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Born to Ride

Born to Ride

Adrenalin, Nervenkitzel und ein Freiheitsgef√ľhl mit Kick liegen nah beieinander. Will man nicht permanent Achterbahn fahren oder Fallschirm springen, dann sucht man sich in jungen Jahren ein gleichwertiges Hobby mit ausgepr√§gtem Coolnessfaktor. Insbesondere individualisierte Bikes, wie die der Urban Dirt Bikers, haben das Potenzial zum starken Auftritt.

‚ÄčEin Bike ist jedoch nicht nur ‚ÄčFortbewegungsmittel‚Äč, sondern‚Äč ‚Äčkann ebenso ‚Äčeine gef√§hrliche Mischung zwischen Freiheitsdrang und Geschwindigkeitsrausch ‚Äčsein‚Äč. Die Urban Dirt Bikers verk√∂rpern diese Mischung‚Äč in ihrer ausgepr√§gtesten Form‚Äč. An Wochenenden treffen sie sich in verlassenen Industrieanlagen Londons, um ihre‚Äčm‚Äč Hobby nachzugehen.

‚ÄčDie Masken der Gruppenmitglieder erzeugen Distanz, Anonymit√§t und auch Unwohlsein beim Gegen√ľber‚Äč. Man f√ľhlt sich an die Londoner Riots von 2011 zur√ľckerinnert. Doch ‚Äčschaut man ‚Äčgenauer‚Äč hin‚Äč, ist man als Au√üenstehender gleichzeitig fasziniert ‚Äčwie ‚Äčverwundert. Was treibt junge Menschen dazu, sich Wochenende f√ľr Wochenende auf verlassenen Industriegebieten am Stadtrand von London zu treffen?

‚ÄěIt‚Äôs not a hobby, it‚Äôs a lifestyle‚ÄĚ

Es ist nicht der reine Nervenkitzel,‚Äč der die ‚ÄčGruppe ‚Äčzusammenbringt. F√ľr viele sind ihre Bikes weit mehr als ein Hobby ‚Äď ‚Äče‚Äčs ist das, was ihre Identit√§t grundlegend pr√§gt. Gerade in der britischen Hauptstadt ist die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten zwei Dekaden weit auseinandergegangen. Seit der Finanzkrise und dem Regierungswechsel wurden viele Jugendzentren geschlossen. Gro√üinvestoren haben die Stadt fest im Griff. Wenige √∂ffentlich-zug√§ngliche Freir√§ume sind in der Stadt geblieben‚Äč,‚Äč und es ‚Äčmacht‚Äč sich ein Gef√ľhl von Machtlosigkeit breit‚Äč.‚Äč

‚ÄčEinem Teil der Londoner Jugend‚Äč fehlt es an M√∂glichkeiten, ihre Identit√§t authentisch auszuleben. Fr√ľher war England stark von musikalischen Subkulturen gepr√§gt, aber strenge Gesetze haben zu einem Clubsterben gef√ľhrt. Die wenigen ‚ÄčOptionen,‚Äč die es noch gibt, sind f√ľr ‚Äčdiejenigen,‚Äč die Lust auf Abenteuer haben, zu teuer, ‚Äčzu ‚Äčaufpoliert und ‚Äčzu ‚Äčlangweilig. Kein Wunder, dass ‚Äčsie ‚Äčihre Identit√§t woanders suchen und si‚Äčch‚Äč in rechtlichen Grauzonen ‚Äčwieder‚Äčfinden. Die maskierten Biker sind keine wilden Gangs, die √ľber andere herfallen. Sie besuchen selbst organisierte Events, wo sie das Zugeh√∂rigkeitsgef√ľhl finden k√∂nnen, das ihnen die englische Gesellschaft schon lange verweigert.

‚ÄčDen Kick finden sie in Extremsituationen, den‚Äč seltenen Augenblicke‚Äčn‚Äč wo s√§mtliche Alltagssorgen und sogar das Gef√ľhl von Zeit verschwindet und ‚Äčnur der ‚ÄčAugenblick fokussier‚Äčt wird‚Äč. Solche Momente sind so intensiv ‚Äčund haben Suchtpotenzial, so ‚Äčdass viele bereit sind, ein hohes Risiko ‚Äčin Kauf zu nehmen‚Äč. Die Urban Dirt Bikers haben ihre Passion dort gefunden, wo andere aus Sicherheitsgr√ľnden schon lange aufh√∂ren w√ľrden‚Äč: an der Grenze zum Lebensbedrohlichen.‚Äč

‚ÄěNothing apart from death itself can stop me from riding‚ÄĚ, so ‚ÄčThe Real Izzy.

Izzy ist Begr√ľnder ‚Äčder Gruppe Super-Dupa-Moto (kurz: SDM). Er selbst w√§re bei einem Unfall fast ums Leben gekommen: ‚ÄěIch war einmal in einen schweren Unfall verwickelt. Ich starb praktisch an der Unfallstelle, aber der Luftrettungsdienst hat es geschafft, mich wieder zu beleben.‚Äú Er versucht seither beim Fahren aufmerksamer zu sein, aber seine Haltung gegen√ľber Bikes hat sich nicht grundlegend ver√§ndert: ‚ÄěUm ehrlich zu sein hab ich nie daran gezweifelt, dass ich wieder aufs Bike steigen w√ľrde. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Koma erwacht bin und sofort danach gefragt habe, wie‚Äôs mit meinem Bike aussieht und dass ich sofort wieder loslegen will. Ich glaube, dass nichts au√üer dem Tod mich davon abhalten k√∂nnte, mit dem Motorrad fahren aufzuh√∂ren.‚Äú

‚ÄčAuf die Frage, ob der Unfall ihn √§ngstlicher oder vorsichtiger gemacht hat, denkt er einen Moment nach: ‚ÄěWas wir machen ist gef√§hrlich, aber wenn Du mit der Angst vor einem Unfall oder einer Verletzung f√§hrst, wirst Du Dich genau in die gef√§hrlichen Situationen bringen, die Du eigentlich vermeiden willst.‚Äč ‚ÄčDaher denke ich nicht st√§ndig √ľber die Gefahren nach. Aber der Spa√ü am Fahren und am Regeln brechen ist so gro√ü, dass die Angst verschwindet.‚Äú‚Äč

An den Unfall selbst kann sich Izzy nicht mehr erinnern: ‚ÄěAm 22. Dezember hatte ich meinen Zusammensto√ü, und das Letzte, an das ich mich zuvor erinnern kann, war mein Geburtstag, der ein Monat zuvor war. Also fehlt ein ganzer Monat an Erinnerungen.‚Äú Von einem Freund erfuhr er, dass er in einer Kurve √ľbersteuert hatte und gegen einen Zaun geknallt ist. ‚ÄěSeit dem Unfall hab ich Titan im linken Arm und Fu√ü und kleine Bewegungseinschr√§nkungen, aber nichts, was mich davon abhalten w√ľrde, meine Leidenschaft weiter auszuleben.‚Äú

‚ÄčNeben Super Dupa Moto gibt es noch zahlreiche andere Bikergruppen und -teams, die, wenn sie sich gemeinsam an bestimmten Orten treffen, zu einer gemeinsamen gro√üen Gruppe mutieren. ‚ÄěWir schauen uns dann die Skills der anderen Biker an und lernen neue Leute kennen, die alle dieselbe Passion haben‚Äč. Wir alle sind da, um Spa√ü zu haben.‚Äú, so Izzy.

Zur Gruppe Super Dupa Moto geh√∂rt auch Naomi. M‚Äčit ihren Z√∂pfen und dem pinken Bike ‚Äčk√∂nnte sie einem japanischen Manga entsprungen sein und setzt zu den Testosteron gepr√§gten Jungs auch optisch einen echten Kontrapunkt.‚Äč ‚ÄčEs gibt wenig Girls‚Äč in der Bikerszene. Dass sie fr√ľh den Einstieg fand, liegt nicht zuletzt an ihrer Familie: ‚ÄěIch bin, seit ich mit sechs Jahren mein erstes Dirt Bike ‚Äď ein CRF 50 ‚Äď bekommen habe, immer Roller gefahren. Mein Vater f√§hrt selbst, meine Gro√ümutter war noch mit 72 auf einer Yamaha ZX6, und mein Onkel war ein erfolgreicher Stunt Man. Ich war praktisch immer von Motorr√§dern umgeben. Als ich alt genug war, selbst ein Bike f√ľr die Stra√üe zu bekommen, hab ich‚Äč ‚Äčsofort ‚Äčzugeschlagen‚Äč.‚Äú

‚ÄčAuf die Frage, ob d‚Äčer Einstieg in die von M√§nnern dominierte Bikerwelt‚Äč von gro√üen Hindernissen gepr√§gt war, antwortet Naomi schnell: ‚ÄěIch w√ľrde nicht sagen, dass es f√ľr mich als M√§dchen schwer war in die Szene zu‚Äč ‚Äčkommen. Im Gegenteil, die meisten Jungs sind sehr dran interessiert, ein M√§dchen zu sehen, das selbst f√§hrt, und sie haben immer sehr offen mit mir geredet und mir Ratschl√§ge gegeben. Ich hab‚Äče ‚Äčallerdings schon ein paar Mal geh√∂rt, dass Leute sagen: ‚ÄěDu f√§hrst aber gut f√ľr ein M√§dchen‚Äú und sowas hasse ich‚Äč!‚Äč Ich wei√ü, dass es ein Stigma gibt, dass Frauen nicht so gut mit Bikes umgehen k√∂nnen, aber das ist ‚Äčtotaler ‚ÄčUnsinn.‚Äú

Das, was viele ‚Äčandere‚Äč M√§dchen in ihrem Alter machen‚Äč,‚Äč interessiert Naomi nicht. Anstatt ihr Geld f√ľr Kleidung oder Clubabende auszugeben, investiert sie lieber in ‚Äčihre ‚ÄčMotorradausr√ľstung. ‚ÄěIch w√ľrde auf jeden Fall behaupten, dass das Bike ein Teil meiner Identit√§t ist.‚Äú Sie geht‚Äč ‚ÄčWochenende‚Äč ‚Äčf√ľr Wochenende ihrer Leidenschaft nach und √ľbt mit ihrer Crew. Vorurteile bek√§mpft sie dabei am besten durch ihr eigenes ‚ÄčFahrk‚Äč√∂nnen, d‚Äčem‚Äč sie mit ihre‚Äčn‚Äč rosafarbenen Outfits ‚Äčeinen bewusst inszenierten Auftritt verleiht.‚Äč ‚ÄěIch trage gerne pink. ‚ÄčSo‚Äč wissen alle, dass ein M√§dchen an ihnen vorbeif√§hrt‚Äú‚Äč, kommentiert sie lachend.

Spencer Murphy, der bekannte in London lebende Fotograf, hat die individuelle Lebenswelt der Urban Dirt Bikers eindrucksvoll in seinen Bildern festgehalten. Er konnte das Vertrauen der Gruppe gewinnen, um so einen intimen Einblick in eine f√ľr uns so fremde Welt zu gew√§hren. ‚ÄčDie Biker-Portraits ‚Äčwerden in dem Buch ‚ÄěUrban Dirt Bikers‚Äú ‚Äčals spannende Geschichte in Bildern erz√§hlt.

Urban Dirt Bikers‚Äė by Spencer Murphy is published by Hoxton Mini Press¬†¬†(¬£17.95, www.hoxtonminipress.com)

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