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Tanz der Puppen

Tanz der Puppen

Alexander Girard (1907-1993) war ein umtriebiger Gestalter, der nicht nur mit Möbeln, Stoffen und Interieurs fĂŒr Aufsehen sorgte. Er sammelte Volkskunst verschiedenster Kulturen und entwickelte aus deren Farben, Formen und Mustern eine sinnliche Interpretation der Moderne – die nun beim Schweizer Modelabel Akris den Weg auf den Laufsteg fand.

Es kommt eher selten vor, dass Mode von Möbeln inspiriert wird. Doch ab und an ergeben sich solch ungewöhnliche Verbindungen. LegendĂ€r ist das weiße Kleid mit rundem, asymmetrischem HĂŒftausschnitt, das Tom Ford 1996 fĂŒr Gucci entwarf und damit die ikonischen Liege „La Chaise“ (1948) von Charles & Ray Eames zitierte. Einem anderen amerikanischen Möbel- und Produktdesigner hat das Schweizer Modelabel Akris mit seiner FrĂŒhjahr-Sommer-Kollektion 2018 gehuldigt: dem Multitalent Alexander Girard.

Der gebĂŒrtige New Yorker (1907-1993) gestaltete nicht nur Möbel und Objekte, sondern richtete Restaurants und WohnhĂ€user ein, entwickelte Schriften, Ausstellungen oder ersann die wegweisende Corporate Identity der Fluggesellschaft Braniff. Bei alledem hegte er ebenso eine Sammelleidenschaft fĂŒr Volkskunst und entwickelte daraus eine ganz eigene Palette an Farben, Formen und Dekoren, die ihn von vielen seiner Zeitgenossen deutlich unterschied. Die Moderne wurde von Alexander Girard nicht als ZurĂŒckhaltung oder gar als gestalterischer Verzicht interpretiert. Im Gegenteil: Er setzte auf einen belebenden Stilmix der Kulturen – und weitete so den Blick ĂŒber den eigenen Tellerrand hinaus. Genau das macht seine Arbeiten bis heute interessant.

Design war fĂŒr Alexander Girard vor allem eines: Kommunikation. Als er im Alter von zehn Jahren aufs englische Internat geschickt wurde, erfand er dort ein imaginĂ€res Land, das er „Celestia“ nannte. Er gestaltete Landkarten und Flaggen, ersann Briefmarken fiktiver SehenswĂŒrdigkeiten und entwickelte schließlich verschiedene Geheimsprachen mit jeweils umfangreichem Wortschatz und funktionierender Grammatik. In diese Sprachen weihte er seine Schwester, Freunde und sogar seine Großeltern ein, die fortan mit ihm in Briefform auf diese Weise korrespondierten.

WĂ€hrend seines Architekturstudiums in London signierte Girard seine Skizzen mit geometrischen Zeichen anstatt mit seinem Namen oder seinen Initialen. Nachdem er erste berufliche Erfahrungen in Florenz, Stockholm und Rom gesammelt hatte, kehrte der junge Gestalter 1932 nach New York zurĂŒck. Vier Jahre spĂ€ter zog es ihn in die boomende Industriemetropole Detroit, wo er als Chefdesigner fĂŒr den Radiohersteller Deutrola arbeitete und auf diesem Wege auch Charles und Ray Eames kennenlernte. 1947 eröffnete er in einem leerstehenden Ladenlokal ein DesigngeschĂ€ft fĂŒr Möbel und bemalte Dekorationsfiguren aus Holz.

Über 90.000 Objekte trug Girard auf seinen zahlreichen Reisen zusammen, die heute im Museum of International Folk Art in Santa Fe zu sehen sind. Puppen, Masken und Spielzeuge bevölkerten nicht nur sein eigenes Zuhause. Er dekorierte mit ihnen auch das Restaurant „La Fonda del Sol“ in New York sowie seine BĂŒrorĂ€ume beim Möbelhersteller Herman Miller. Auf Empfehlung von Charles Eames und dem kaum minder einflussreichen Gestalter George Nelson hatte Girard dort die Leitung der Textabteilung ĂŒbernommen und ĂŒber 300 verschiedene Stoffe entworfen.

Puppen hat Girard keineswegs nur gesammelt. Er hat sie ebenso selbst gestaltet – aus Holz geschnitzt und mit sinnlichen Farben bemalt. Die meisten „Wooden Dolls“ sind Anfang der FĂŒnfzigerjahre fĂŒr die Inneneinrichtung von Girards Wohnhaus in Santa Fe entstanden und werden heute von Vitra in Serie produziert. Noch immer werden die hölzernen Korpusse von Hand bemalt, sodass sie durch die feinen Differenzen ihrer AusprĂ€gung eine individuelle Note erhalten. Genau jene Holzfiguren haben nun den Weg auf den Laufsteg gefunden – als Inspiration fĂŒr die FrĂŒhjahr-Sommer-Kollektion des Schweizer Modelabels Akris aus St. Gallen.

Ich habe 2016 die Alexander-Girard-Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gesehen. Mich hat vor allem sein besonderer Sinn fĂŒr Farben beeindruckt. Farben, die zart und stark zugleich sind, doch dabei niemals schreien“, schwĂ€rmt Akris-Chefdesigner Albert Kriemler. Zweimal kam er nach dem ersten Museumsbesuch zurĂŒck, um erneut in die Welt von Girard einzutauchen – und suchte schließlich den Kontakt zu seinen Erben. Das Girard-Studio im kalifornischen Berkeley verwaltet den umfangreichen Nachlass des Multitalents und wird heute von den Enkelkindern Aleishall und Alexander Kori Girard geleitet. Sie haben Albert Kriemler dabei unterstĂŒtzt, die EntwĂŒrfe ihres Großvaters auf die neuen Kleider zu ĂŒbertragen.

Das Ergebnis ist eine Zeitreise, die nicht danach aussieht. Die Girard-Dekore werden alles andere als plakativ eingesetzt. Sie umspielen die Körper ihrer TrĂ€gerinnen, wirken eher abstrakt als figĂŒrlich in ihrer starken VergrĂ¶ĂŸerung. „Wir waren angenehm ĂŒberrascht, die Arbeiten auf diese Weise zu sehen“, sagt Aleishall Girard nach der Modenschau im Pariser Palais de Tokio, zu der auch ihre Mutter Alexis Girard angereist war. „Albert Kriemler hat sich von vielen Aspekten in der Karriere unseres Großvaters inspirieren lassen wie den Holzfiguren, Skulpturen, Architekturzeichnungen, Malereien, Collagen, um nur einige zu nennen. Seine Interpretation und Anpassung dieser EntwĂŒrfe an die Mode ist spannend fĂŒr uns, weil wir das Potential dieser Arbeiten dafĂŒr immer gesehen haben“, erklĂ€rt Alexander Kori Girard.

Neben den „Wooden Dolls” werden heute zahlreiche Möbel und Accessoires von Alexander Girard vom deutsch-schweizerischen Möbelhersteller Vitra produziert – wenngleich mit zeitlicher Verzögerung. Drei Jahre nach Girards Tod ist dessen Nachlass 1996 mit mehr als 5.000 PlĂ€nen, Zeichnungen, Skizzen, Fotos und Textilmustern an das Vitra Design Museum ĂŒbergeben worden. Doch erst in den letzten Jahren ist dieser Fundus systematisch aufgearbeitet worden und in Form von Reeditionen wieder auf den Markt gekommen.

© Christian Korab _ Korab Photo

Dieser Umstand mag ĂŒberraschen, da Girard zu den wichtigsten, amerikanischen Gestaltern des 20. Jahrhunderts gehörte. Doch ein Grund dafĂŒr mag zweifelsohne seine eigenwillige Interpretation der Moderne sein, die dem Rationalismus europĂ€ischer PrĂ€gung nur wenig zu tun hatte und erst heute – wo Kunst- und Handarbeit eine ganz neue WertschĂ€tzung entgegengebracht wird – ĂŒberaus aktuell erscheint. Girard rĂŒckt auf diese Weise nicht nur innerhalb der Designszene in den Fokus: Dank der aktuellen Akris-Kollektion findet er ebenso den Weg in unsere KleiderschrĂ€nke.